Umbenennung der Bischof-Meiser-Straße

Umbenennung der Bischof-Meiser-Straße

Am 5. November 2020 hatte das Geschichtsforum der Ersten Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund seinen Antrag auf Umbenennung der Bischof-Meiser-Straße zugeleitet. Diesen hat der Pullacher Gemeinderat in seiner Sitzung am 27.April 2021 mit der breiten Mehrheit von vierzehn gegen drei Stimmen angenommen.

Die Straße soll künftig nach Dr. Richard Eylenburg benannt werden, der lange Jahre Zweiter Bürgermeister von Pullach war, eine aus unserer Sicht sehr gute Lösung. Seine Biographie ist beigefügt.

Wir freuen uns, dass es uns mit unserem Anstoß zur Umbenennung gelungen ist ein Zeichen zu setzen und damit klar und entschieden den verdeckten und offenen Formen von Judenhass und Antisemitismus entgegenzutreten.

1 ) Unser Antrag im Wortlaut ( Auszug )

„Das Pullacher Geschichtsforum e.V. stellt den Antrag auf Umbenennung der Bischof-Meiser-Straße.

Der jetzige Sachstand

Soweit uns bekannt, fand bei der Benennung 1958 durch den damaligen Gemeinderat kein umfangreicher Diskurs über Leben und Wirken Meisers statt. Dies ist auch nachvollziehbar angesichts der kurzen zeitlichen, aber auch geistigen Distanz zum Geschehen in der NS-Zeit und zu dem Tod von Bischof Meiser 1956.

Eine breitere öffentliche Diskussion um die Person Bischof Meisers und seine Rolle in der NS-Zeit gab es 2006 in Nürnberg. Sie mündete 2007 in die Umbenennung der nach ihm benannten Straße. In der Folge wurde 2010 nach langen kontroversen Diskussionen auch in München die entsprechende Straße umbenannt. In Pullach gab es bislang jedoch keine öffentliche Diskussion hierüber. Es ist jedoch unseres Erachtens überfällig sich dieser Frage zu stellen; aktueller Anlass ist der Beschluss des Gemeinderates vom Februar 2020 zur Erläuterung der Straßennamen.

Unsere Gründe

Als es im Herbst 1934 darum ging, die bayerische Landeskirche vor der Gleichschaltung durch die Reichskirchenregierung, also letztlich durch die Nationalsozialisten zu bewahren, widersetzte sich Meiser mit großer Entschlossenheit seiner Absetzung durch die Reichskirchenregierung.

Weil Meiser sich weigerte, die Absetzungsurkunde zu unterschreiben, wurde er unter Hausarrest gestellt. Die konsequente Haltung Meisers führte schließlich dazu, dass der Reichbischof seine Maßnahmen zurücknehmen musste.

Bischof Hans Meiser hat zwar einerseits 1934 die bayerische evangelische Landeskirche vor der Gleichschaltung mit der damaligen Reichskirche bewahrt. Er hat dabei den Konflikt nicht gescheut und entschlossen gekämpft, als es um die Freiheit der Kirche ging.

Bischof Hans Meiser hat jedoch andererseits schon 1926 insbesondere in seinem Aufsatz „Die Evangelische Gemeinde und die Judenfrage“ und noch 1943 dezidiert antisemitisch argumentiert – nicht antijudaisch theologisch, sondern rassistisch antisemitisch. Er hat in der NS-Zeit konsequent zur Judenverfolgung und zur Euthanasie geschwiegen. Nach dem Zusammenbruch des Naziregimes hat er statt der gebotenen Vergangenheitsbewältigung eine schwer nachvollziehbare Verdrängung an den Tag legt und Kriegsverbrechern die Hand gereicht.

Hans Meiser hat den Erhalt der kirchlichen Strukturen vor die christlich gebotene Fürsorge um die Opfer gestellt. Daher sollte ihm u. E. nicht die Ehrung durch einen Straßennamen zukommen und die Bischof-Meiser-Straße sollte umbenannt werden.

Die Gemeinde engagiert sich im Zusammenwirken mit dem Geschichtsforum seit längerem, die Geschichte der NS-Zeit in Pullach aufzuarbeiten: mit dem jüngst erschienenen Band der Pullacher Schriftenreihe „Pullacher Lebenswege – Geschichte der antisemitisch verfolgten Bevölkerung“, mit den in Vorbereitung befindlichen Bänden zur Situation der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie den weiteren Opfern des Krieges und der geplanten Schaffung eines Gedenkortes für die Opfer des NS-Regimes. In diesem Zusammenhang ist die Umbenennung ein wichtiger Beitrag zur Erinnerungskultur in unserer Gemeinde.

Wir wollen damit weiter ein Zeichen setzen und damit klar und entschieden den verdeckten und zunehmend offenen Formen von Judenhass und Antisemitismus entgegentreten“…. Pullacher Geschichtsforum e.V.
14.11.2020

2) Die Positionen der evangelisch-lutherischen Kirche

Die Gemeinde hat im Vorfeld der Beschlussfassung im Gemeinderat Kontakt mit
–  der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern,
–  dem Träger des in der Bischof-Meiser-Straße ansässigen Theologischen Studienseminars,
der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und
–  der Pullacher Jakobusgemeinde aufgenommen.

Bemerkenswert sind dabei die unterschiedlichen Positionen innerhalb der evangelischen Kirche.

So hat die evangelisch-lutherische Landeskirche Bayerns in Stellungnahmen von Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm und von Regionalbischof Christian Kopp zwar einerseits eingeräumt, die Benennung einer neuen Straße nach Bischof Meiser sei heute nicht denkbar und die antisemitische Grundeinstellung und Judenfeindlichkeit Bischof Meisers sei ganz und gar nicht tolerierbar. Andrerseits aber haben beide in Frage gestellt, ob eine Straßenumbenennung wirklich das richtige Mittel sei, um die notwendige Aufklärungsarbeit zu leisten.

Die Jakobusgemeinde und ihr Kirchenvorstand wiederum konnten sich zu keiner Meinung durchringen und haben sich zurückgehalten, sprich enthalten.

Eine klare Position hat hingegen der Träger Studienseminars, die VELKD, in Gestalt ihres Leitenden Bischofs Ralf Meister bezogen. „Mit Bedauern und Erschrecken haben wir die zutage getretenen Verfehlungen des Bischofs wahrgenommen : sowohl die widersprüchlichen und im Kern eindeutig antisemitischen Äußerungen 1926 wie die fragwürdigen Entscheidungen gegen den Einsatz für verfolgte Mitbürger in der Zeit des Nationalsozialismus. Wie Sie stimmen wir der Änderung des Straßennamens zu“.

3) Materialien

  • Die ausführliche Begründung unseres Antrags auf Umbenennung der Bischof-Meiser-Straße einschließlich einer Quellensammlung

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  • Biographie von Dr. Richard Eylenburg

Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunden Pullach-Pauillac im Oktober 1964: links Bürgermeister André Cazes, Mitte 2. Bürgermeister Dr. Eylenburg und rechs 1. Bürgermeister Josef Seidl.

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