1933 – 1945: Die NS-Mustersiedlung

Als Anfang der dreißiger Jahre ein noch unbedeutender Funktionär der Nationalso­zialistischen Deutschen Arbeiterpartei nach Pullach zog, ahnte hier keiner, dass sich die Geschichte des Isarortes damit für immer nachhaltig verändern würde. Martin Bormann war zu dieser Zeit ein subalterner Mitarbeiter der NSDAP-Reichsleitung in München. Ursprünglich gelernter Landwirt, hatte sich das Freikorpsmitglied Bormann 1923 seine konterrevolutionären Sporen durch Anstiftung eines Fememordes verdient. 1926 trat er der NSDAP in Weimar bei und wechselte Ende der 1920er Jahre in die Parteileitung. Bormann heiratete im September 1929 in die Familie des NSDAP-Parteirichters Walter Buch. Hitler und Heß waren die Trauzeugen. Mit seiner Ehefrau Gerda zog Bormann 1932 in die Pullacher Margaretenstraße.

Im Sommer 1933 bot ihm sein Trauzeuge Rudolf Heß den Job des Stabsleiters in seinem neuen Amt als „Stellvertreter des Führers“ an. Hitler beauftragte ihn 1935 mit den Aus- und Umbauten des „Führersperrgebietes“ rund um den Berghof am Obersalzberg und mit der Errichtung der neuen Mustersiedlung für hochrangige Angehörige des Heß-Stabes in Pullach. Sie entstand hinter Bormanns Haus in der Margaretenstraße auf einem großen Areal zwischen Pullach, der Isar und Großhesselohe. Als Architekten in Pullach wirkten Roderich Fick und Alwin Seifert, nach 1938 auch Hermann Giesler. Januar 1937 konnten die ersten Bewohner einziehen. Sie gehörten zum Stab Heß und arbeiteten in leitenden Positionen in den großen NS-Bauten rund um das „Braune Haus“ und den „Führerbau“ in München.

Die neue Siedlung mit dem idyllischen Namen „Sonnenwinkel“ sollte bewusst die bauliche Umsetzung nationalsozialistischer Utopie darstellen und eine Lebensge­meinschaft der Angehörigen der Parteiverwaltung bilden. Zu jedem Ein- oder Zweifa­milienhaus im Stil von Goethes Gartenhaus in Weimar gehörten große Nutzgärten, die nach biologisch-dynamischen Vorgaben zu bewirtschaften waren. Die Vergabe von Haus und Wohnung war an Ehe und Kinderreichtum gebunden, erwünscht waren zudem die Zugehörigkeit zur SS und der Austritt aus der Kirche.

Herzstück der Siedlung war die Stabsleitervilla, die im September 1938 der Vorberei­tung des Münchner Abkommens diente. Bei Hitler scheint der Sonnenwinkel als Be­sprechungsort in positiver Erinnerung geblieben zu sein. Denn so erfolgte nicht nur ein weiterer Ausbau, sondern Hitler verbrachte nun zwischen 1939 und 1943 jedes Jahr mehrere Tage in Pullach. Für ihn und seine Geliebte Eva Braun wur­de unter anderem der Bunker unter dem Haus luxuriös ausgebaut.

Die nächste Ausbaustufe der Liegenschaft bildete mit Verlagerung der Kriegsführung in den südeuropäischen Raum der Bau des „Führerhauptquartiers Siegfried“ auf dem östlich der Heilmannstraße gelegenen Areal. Hier wurde nun eine Bahnlinie für den Sonderzug Hitlers angelegt, der direkt in den Führerbunker mit Namen Hagen einfah­ren konnte. Eine hochmoderne Kommunikationsanlage hielt Kontakt zu den Fronten. Für einzelne hochrangige, zeitweise anwesende Militärs wie den Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Wilhelm Keitel, und Generalfeldmarschall Erwin Rommel wurden Villen in der Siedlung zur Verfügung gestellt.

Am 1. Mai 1945 endete die braune Herrlichkeit in Pullach. Nun zog die US-Armee ein und errichtete auf dem Gelände an der Heilmannstraße zunächst ein Kriegsgefangenenlager. Im Spätsommer 1945 ergriff quasi als nachrichtendienstliche Vorhut die so genannte Civil Censorship Division der US-amerikanischen Militärregierung Besitz von dem Gelände. Sie überwachte die deutsche Kommunikation in der amerikanischen Besatzungszone. Im Dezember 1947 richtete dann die Organisation Gehlen, der spätere Bundesnachrichtendienst, seine Zentrale in Pullach auf dem Areal ein.

(Susanne Meinl)