Pullach in der Zeit von 1840 bis 1930

 

Die ebenso spektakuläre wie ambivalente Sonderstellung, die Pullach im Lauf des 20. Jahrhunderts unter den oberbayerischen Gemeinden zuwuchs, hat eine eher unverfängliche, romantisch geprägte Vorgeschichte. Ausschlaggebend für die Ortsentwicklung war seit jeher die Nähe zur Landeshaupt- und Residenzstadt gewesen. Im 19. Jahrhundert entdeckten immer mehr Münchner den landschaftlichen Reiz der Umgebung und wanderten in ihrer Freizeit ins Isartal. Die Wohlhabenderen unter ihnen ließen sich auf Dauer dort nieder. Den Anfang machten in Pullach zwei durch lukrative Aufträge König Ludwigs I. zu Wohlstand gekommene Persönlichkeiten, die zu Beginn der 1840er Jahre am Rand des bis dahin mit kaum mehr als 180 Einwohnern vergleichsweise unbedeutenden Bauerndorfs neue Akzente setzten: Auf einem Hang- und Ufergrundstück am Südende des Gemeindegebiets, nah bei einem seiner Steinbrüche, errichtete der Steinmetz Franz Höllriegel ein Wohn- und Werkstattgebäude und legte daneben einen kleinen englischen Park an. Am Isarhochufer nördlich vom Ortskern ließ sich der Bildhauer Ludwig Schwanthaler durch den Königlichen Oberbaurat Friedrich Gärtner einen Sommersitz im Stil einer Ritterburg bauen.

1854 rückte die Bayerische Maximiliansbahn den flussabwärts gelegenen Gemeindeteil Großhesselohe, wo kurz zuvor als erster größerer Betrieb eine „Klinkertrottoirsteine-Fabrik“ gegründet worden war, den Münchner Ausflüglern näher. Den Hauptanziehungspunkt bildete das zur Brauerei des alten Guts Hesselohe gehörige Gasthaus, die spätere „Waldwirtschaft“. Auch Pullach selbst war und blieb ein beliebtes Wochenendziel mit expandierender Gastronomie.

In den 1880er Jahren ließ sich auf dem nach Höllriegel benannten Gelände der „Urvater der Alternativbewegung“, der Maler Karl Wilhelm Diefenbach, nieder und scharte einen Kreis von Jüngern um sich, darunter den nachmals berühmten Hugo Höppener, genannt Fidus. Im gleichen Jahrzehnt, der letzten Blütezeit des Münchner Historismus, sorgte der kunstsinnige Pfarrer Franz Festing für die Regotisierung der spätmittelalterlichen, dann barock umgestalteten Heiliggeistkirche, die erst 1875 Hauptkirche eines selbstständigen Pfarrsprengels geworden war. Die hochkarätige Ursprungsausstattung wurde um mehrere im Antiquitätenhandel erworbene Kunstwerke bereichert. Das Andenken des 1868 verstorbenen Malers und Modelleurs Sebastian Habenschaden hielt man mit der Namensgebung der alten Dorfstraße und einem jährlichen Fest der Münchner Künstlerschaft wach. Die „Burg Schwaneck“, die zu den Schauplätzen dieser Feiern zählte, wurde um die Jahrhundertwende vom Bau- und Immobilienzaren Jakob Heilmann, dem größten Grundbesitzer im Isartal, erworben und erheblich erweitert. Sein Plan, ähnlich wie im benachbarten Solln und auf der Prinz-Ludwigs-Höhe auch in Pullach eine Villenkolonie anzulegen, ließ sich allerdings nur ansatzweise verwirklichen.

Den entscheidenden Modernisierungsschub brachten das letzte Jahrzehnt des alten und das erste des neuen Jahrhunderts: Zu Beginn der 1890er Jahre ging die Isartalbahn mit ihren drei auf dem Gemeindegebiet liegenden Bahnhöfen Großhesselohe, Pullach und Höllriegelskreuth in Betrieb, 1894 das technisch bahnbrechende Wasserkraftwerk Höllriegelskreuth. 1904 wurden die Grünwalder Brücke und das Pullacher Elektrizitätswerk eröffnet, 1910 die Straßenbahnlinie von München nach Grünwald. Die bessere Verkehrsanbindung und die mit einer Teilkanalisierung verbundene Nutzung der Isar für die Stromerzeugung zielte in erster Linie auf die Ansiedlung von Industriebetrieben, gegen die der 1902 gegründete Isartalverein und sein Vorsitzender Gabriel von Seidl vergeblich protestierten. Nicht weit von der vormaligen Behausung des „Kohlrabi-Apostels“ Diefenbach und der schlossartigen Villa des Schriftstellers Carl Sternheim, dem späteren Wohnsitz des Fürsten Adolf II. zu Schaumburg Lippe, flossen die Abwässer der 1911 gegründeten Elektrochemischen Werke Dr. Adolph, Pietzsch & Co. in die Isar, während die Gesellschaft für Linde’s Eismaschinen ihre 1901 am Höllriegelskreuther Bahnhof errichtete Versuchsanstalt zum größten örtlichen Industriebetrieb erweiterte.

So trafen schon vor dem Ersten Weltkrieg in Pullach wie in kaum einer anderen Gemeinde dieser Größenordnung unterschiedliche Interessensphären, Geisteshaltungen und Gesellschaftswelten aufeinander. Die Grundstücke gewannen an Wert, die Industrie brachte höhere Steuereinnahmen. Neben die angestammte bäuerliche Gemeinschaft trat eine besitz- und bildungsbürgerliche Bevölkerungsgruppe, die sich auch in der Gemeindepolitik Gehör verschaffte. Die Arbeiterbewegung spielte, abgesehen von den Monaten zwischen Novemberrevolution und Räterepublik, als die USPD ein Viertel der Gemeinderäte stellte, keine erhebliche Rolle, wohl auch deshalb, weil die Belegschaft der Großbetriebe zu einem guten Teil aus Pendlern bestand.

Vergleichsweise stark kamen in Pullach lebensreformerische Bestrebungen zum Tragen, die sich in den 1920er Jahren unter anderem in einer zwischen Höllriegelskreuth und dem Ortskern angelegten „Gartenstadt“ manifestierten. Dort entwickelte Richard Riemerschmid ein System von Blockhäusern, von denen heute nur noch spärliche Reste übrig sind. Erhalten geblieben ist dagegen der 1924/25 am westlichen Ortsrand, vor der Kulisse des Forstenrieder Parks, erbaute Komplex des „Berchmanskollegs“, der Philosophisch-Theologischen Hochschule des Jesuitenordens, die innerhalb des Gemeindelebens eine Welt für sich bildete. Bestimmendes Moment des damaligen Ortsgeschehens war die zunehmende Parzellierung landwirtschaftlicher Flächen, vor allem in Großhesselohe, und ihre Bebauung mit Wohnhäusern. Der ländliche Charakter trat zurück, die Verwandlung des Bauerndorfs in den Vorort einer Großstadt war, ungeachtet der erfolgreich behaupteten kommunalen Selbstständigkeit, unumkehrbar geworden. Bis 1930 hatte sich die Einwohnerzahl in etwa verzehnfacht. Welche Rolle Pullach als Standort einer Mustersiedlung für hohe NS-Funktionäre und eines „Führerhauptquartiers“ sowie, nach dem Zweiten Weltkrieg, einer Geheimdienstzentrale spielen sollte, war damals noch nicht abzusehen.

(Michael Davidis)